Die Magie Duraindans PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Montag, den 25. Oktober 2010 um 11:29 Uhr

Aurel Dan Duraindan

Die Nacht war kühl. Nebel zog den Berg herauf und breitete sich langsam auf dem Plateau aus. Dichte, tief hängende Wolken zogen vorüber und versperrten die Sicht auf den Sternenhimmel. Nur der fahl strahlende Mond bahnte sich seinen Weg durch einen weiten Hof in der Wolkendecke und erhellte die mit Spannung geladene Szenerie irgendwo im Zentralmassiv des Arkavall.

Zwei junge Krieger standen sich auf zehn Fuß gegenüber. In jeder Faser ihres Körpers gespannt und konzentriert, belauerten sie einander, bereit, jede Sekunde blitzschnell loszuschlagen, um den Gegner mit dem Ziehen der Klinge treffsicher zu attackieren, bereit, jeden Angriff zu parieren, um dann wieder selbst vernichtend zurückzuschlagen. Lange Zeit geschah nichts, sehr lange Zeit! Regungslos beobachteten sie einander, immer dazu bereit, alles zu riskieren – auch den Tod.

So ähnelten sie einander nicht nur in Mut und Gefahr verheißender, kraftvoller Schönheit, ausgestattet mit todbringenden Reflexen und der Fähigkeit, sich katzengleich zu bewegen, sondern auch in ihrem Aussehen. Mit langem, glattem und goldenem Haar, den länglichen, schmalen Gesichtszügen, mündend in ein spitzes Kinn, das die sture, niemals erlöschende Kampfeslust schon erahnen lies, und den strahlend grünen, fordernden Augen glichen sie einander wie Brüder.

Lediglich in ihrer Statur und der von der Sonne gebräunten Haut des Menschenkriegers konnten sie nicht gegensätzlicher sein. Denn während sich die schiere Kraft und Eleganz in jedem einzelnen Muskel des großgewachsenen Menschensohnes vereinte, wirkte der Körper des zweiten Kriegers keineswegs weniger imposant. Wenn auch etwas kleiner, so versprach, sein wesentlich feingliedrigerer Körper doch eine todbringende Kraft und Dynamik. Nicht nur seine hell leuchtende Haut und die spitzen Ohren verrieten, dass elfisches Blut durch seine Adern floss, vor allem seine atemberaubende Schönheit verführte einen zu dem Glauben, dass dieses Wesen von Göttern gezeugt wurde. Denn seit jeher galten die Elfen als die schönsten aller irdischen Wesen. Und dieser Anblick bestätigte dies auf die eindrucksvollste Weise.

Obwohl sich diese schicksalhafte Begegnung hoch oben in der Flanke eines steilen Berges zutrug und der Himmel eine stürmische Nacht ankündigte, herrschte auf dem kleinen, geschützten Plateau gespenstische Stille. Denn nur durch einen schmalen Pfad zugänglich, da umrandet von hohen Felsen, dichten Büschen und so manchem Ehrfurcht gebietenden alten Baum, schien die Natur an diesem Ort den Atem gespannt angehalten zu haben. Einzig das gelegentliche Rascheln eines hier nur leise säuselnden Windes kündete davon, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, sondern sich Sekunden in endlose Weiten ausdehnten und zu Minuten und schließlich zu Unendlichkeiten wurden.

Doch Plötzlich wurde die bedrohliche Ruhe durchbrochen. Zunächst nur ein leises Donnern und Grollen in der Ferne schwoll es schnell zu einem Trampeln, das die Erde erbeben ließ. Mit einem Mal schien das unsichtbare Band, welches die beiden Krieger verbunden hatte, zerrissen. Es folgten blitzartig zuckende Bilder von Hufen, die über die feuchte Erde preschten, dass der Dreck nur so spritzte, verzerrte Fratzen von dunklen, monströsen Gestalten. Durch die Luft fliegende Fackeln. Dann friedvoll ruhende Menschen, Kinder, Frauen mit ihren geliebten Männern und nur einen Wimpernschlag später ein Flammenmeer. Qualvolle Schreie, geboren aus schrecklichen Schmerzen und dunkelster Verzweiflung. Riesige Pranken, die Mensch und Tier so rissen, dass Fontänen von Blut und Knochensplittern durch die Lüfte peitschten und gnadenlos jede Hoffnung auf Leben zermalmten.

Als endlich unter all der bestialischen Gewalt das vertraute Läuten der morgendlichen Gebetsglocken den Ausweg aus diesem grauenvollen Schrecken wies, erwachte Aurel schweißgebadet, zitternd und mit einem lang gezogenem »N-e-i-n«, auf den Lippen aus seinem Albtraum. Im gleichen Augenblick, noch ehe Aurel richtig bei Sinnen war, sprang die schwere mit Eisen beschlagene Eichenholztür zu seinem Schlafgemach auf. Herein stürmte Conelia, seine besorgte Mutter, um ihren Jungen sogleich tröstend in die Arme zu schließen und in Sicherheit zu wiegen: »Psst, mein Lieber, es war nur ein böser Traum, mehr nicht. In Wahrheit ist gar nichts Schlimmes passiert.«

Immer wieder strich Conelia sanft über Aurels blonden Schopf, drückte ihn dann wieder fest an sich und flüsterte besänftigend in sein Ohr. Solange, bis sich Aurels rasendes Herz wieder beruhigt hatte und sich auch sein panisches Atmen, das sich zwischenzeitlich noch zu einem hektisch weinerlichen Schluchzen gesteigert hatte, wieder entspannte.

Nachdem schließlich keine Tränen mehr flossen und Aurel endgültig ins Licht des Tages gefunden hatte, fragte er: »Mutter, was ist denn passiert? Weshalb bist du hier?«

»Alles ist gut«, erwiderte sie verständnisvoll lächelnd: »Ich war draußen im Gang, auf dem Weg in den Thronsaal zu deinem Vater. Da hörte ich dich um Hilfe rufen und bin zu dir geeilt. Gerade als ich hereinkam, habe ich gesehen, wie du schreiend aus dem Schlaf geschreckt bist. Aber jetzt ist ja alles wieder gut.«

Conelia drückte ihren Sohn nochmals fest an sich, küsste ihn zum Abschied auf die Stirn und sagte: »Nun beeil dich, Vater wartet sicher schon auf uns.«

»Sicher Mutter, bestimmt wird auch Takesh schon bald aufbrechen wollen und auch ihn möchte ich keinesfalls warten lassen.«

Kaum hatte Aurel den Gedanken ausgesprochen, war er auch schon mit einem Satz aus dem Bett gesprungen und machte sich vergnügt daran sich, an der am Abend zuvor bereitgestellten Waschschüssel, zu waschen. Der furchterregende Traum war längst wie weggewischt und Aurel schien wieder der lebensfrohe und unbekümmerte Junge wie eh und je zu sein.

Conelia hatte dagegen längst nicht vergessen, wie sie ihren Sohn eben noch hatte erleben müssen. Zielstrebig und mit besorgter Miene marschierte sie, gleich, nachdem sie das Zimmer verlassen hatte, zum Kräutergarten von Schloss Talain. Dort vermutete sie Aurels Mentor Takesh, und mit diesem würde sie gleich eine ernsthafte Auseinandersetzung führen.

Unterwegs verwandelte sich Conelias Sorge in Rage, und als sie schließlich Takesh wie vermutet vorfand, er war gerade dabei seiner jüngsten Saat beim Wachsen zuzusehen, stürmte sie mit all ihrem Temperament – welches sie sonst so gekonnt hinter ihrem würdevollen Benehmen verbarg – auf Takesh los. Ohne auch nur einen Gedanken an die Etikette zu verschwenden, oder sich von Takeshs imposanter Erscheinung einschüchtern zu lassen, erreichte Conelia Takesh, noch ehe dieser sich vollends von seiner steinernen Bank erhoben hatte, und ließ ihre rechte Hand zu einer laut schallenden Ohrfeige. Sodass sich Takesh halb aus Staunen, halb aus Entsetzen zurück auf seine Bank fallen ließ. Er konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor durch einen offenen Angriff dermaßen überrascht worden zu sein. Doch einer vor Wut schäumenden Mutter hatte selbst er – obwohl er weithin als gelehrter Heiler und sagenumwobener Kämpfer bekannt war, dessen Heldentaten viele lange Winterabende mit spannenden, teils sogar unglaublichen Geschichten füllen mochten – nichts entgegenzusetzen. Also saß er nur hilflos da und sah noch immer verwirrt zu Königin Conelia auf, die gerade wild gestikulierend ansetzte: »Wagt es nie wieder meinen Sohn mit Euren Schauergeschichten um den Schlaf zu bringen, sonst bekommt Ihr es mit mir zu tun!«

Noch bevor Takesh die Gelegenheit hatte zu fragen, was denn eigentlich vorgefallen sei, sah er, wie Conelias Kopf schlagartig rot anlief und sie – die inzwischen vermutlich selbst über ihr ungestümes Vorgehen erschrocken, aber lange noch nicht für eine Entschuldigung und ein sachliches Gespräch bereit war – auf dem Absatz kehrt machte. Nachdem sie drei Schritte davongeeilt war, wandte sich Conelia nochmals um und sagte: »Und glaubt ja nicht, dass ich Aurel mit Euch reiten lasse!« Einen weiteren Augenblick später war sie wieder verschwunden.

Obwohl Takeshs Erscheinung an diesem Ort beinahe unwirklich orientalisch wirkte – seine dunkle Hautfarbe verriet die Abstammung aus den weit entfernten, südlichen Landen – mochte dieses Schauspiel einem fremden Beobachter auf den ersten Blick recht gewöhnlich erschienen sein. Conelia war eine Königin und Takesh augenscheinlich nur ein Diener.

Wer sich jedoch die Mühe machte einen zweiten Blick zu wagen, mochte dennoch so manch Wundersames an dem eben Geschehenen entdecken.

So ließ sich zwar aus Conelias Erscheinung neben der noch jugendlichen Schönheit einer jungen, energischen Mutter auch ihre herausragende Stellung ablesen. Zu erkennen war dies an vielerlei Merkmalen, wie eben ihren schlicht wirkenden, aber dennoch aufwendig gefertigten, edlen Kleidern aus feinsten Stoffen. Oder auch an ihrem sehr gepflegten, beinahe hüftlangen, blonden und seidig glänzenden Haar – und auch ihr erhabener Gang und das selbstbewusste und bestimmte Auftreten passten zu dem einer wahren Königin.

Allerdings war auch Takesh weit davon entfernt, dem Bild eines einfachen Dieners gerecht zu werden. Genau genommen umgab ihn sogar eine gefahrverheißende Aura aus geheimnisvollem Wissen und großer Weisheit. Dabei ließ von Takeshs Kleidern nichts auf seinen gesellschaftlichen Stand schließen. Im Gegenteil, sein Umhang aus wärmender, dunkler Schurwolle, seine weite Pumpelhose und seine Tunika, waren von geradezu hervorstechender Einfachheit. Doch mochten Takeshs Kleider seinen Bedürfnissen wunderbar gerecht werden, so waren sie recht unscheinbar und halfen trotzdem sein Schwert zu verbergen und dank vieler tiefer Taschen konnte er stets so manches nützliche Werkzeug und auch eine ganze Reihe an Heilkräutern und Tinkturen bei sich tragen. Das einzige außergewöhnliche Utensil, das Takesh stets bei sich hatte, war sein mannshoher Spazierstock aus einer sich seltsam windenden Wurzel.

Was aber wirklich aus Takeshs Antlitz herausragte, war das tiefe Schwarz seiner Augen, deren Strahlkraft alles zu durchdringen schien. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch sein schneeweißes, krauses Haar, stets zu einem Pferdeschwanz gebändigt, und sein Gesicht, lang und schmal, geziert von einer ebenfalls langen Nase und mit einer verwegen aussehenden, von der linken Schläfe bis zum Kinn reichenden Narbe. Ein Blick in dieses Gesicht ließ die Erfahrung und Weisheit vieler Leben erahnen. Dagegen schien seinem muskulösdrahtigen Körper eine ewige Jugend inne zu wohnen.

Und eben dieser Takesh starrte nun noch immer verblüfft in die Richtung, aus der eben noch Aurels Mutter aufgetaucht war, und fragte sich, ob all das gerade wirklich passiert sei, oder ob es nicht vielleicht doch nur Traum war. Schließlich rieb er sich nochmals die schmerzende Wange und beschloss, die Sache zunächst auf sich beruhen zu lassen. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder seinen Zöglingen.

 

Conelias Weg führte sie direkt in die Arme ihres Mannes. Sicher würde Pan ihre Ansicht teilen und gemeinsam mochten sie eine Lösung finden, um ihrem Aurel wieder einen ruhigen Schlaf zu schenken.

Gerade mitten in den Dreißigern, wirkte nicht nur Pans großer, athletischer Körper recht imponierend, sondern vor allem auch sein klug aussehender Kopf ließ einen wachen Verstand und große Intelligenz vermuten. Bewiesen hatte Pan dies bereits in vielen großartigen Entscheidungen, die seinem Volk trotz der schweren Zeiten stets zum Wohle gereicht hatten. Auch Conelia liebte Pan nicht zuletzt dafür und fühlte sich in seiner Nähe stets sicher und geborgen.

Von dieser Liebe und Harmonie war in diesem Augenblick jedoch herzlich wenig zu spüren. Immer noch aufs äußerste erregt, berichtete Conelia, was vorgefallen war. Als sie auch erzählte, dass sie für diesen Albtraum Takeshs Unterricht mit seinen viel zu lebhaft erzählten Geschichten verantwortlich machte, sie aber deshalb bereits bei ihm war und ihm unmissverständlich zu verstehen gab, dass er dies zukünftig unter allen Umständen zu unterlassen hatte, entfuhr Pan ein entsetztes: »Du hast was?«

Daraufhin hielt Conelia mit ihren Schilderungen kurz inne und starrte ihren Mann mit großen viel sagenden Augen an, ehe sie weitersprach: »Jawohl, ich habe Takesh eine Ohrfeige erteilt, diese hat er sich auch redlich verdient. Selbstverständlich habe ich ihm auch gesagt, dass es gar nicht infrage kommt, dass Aurel unter diesen Umständen allein mit ihm nach Kloster Lando reitet. Aurel wird stattdessen mit uns gemeinsam reisen.«

Bisher hatte Pan seine Conelia nur selten so hitzig erlebt, doch konnte er ihre Sorge gut verstehen. Auch ihn selbst beunruhigte Aurels Albtraum. Allerdings war er sich sicher, dass es keinesfalls Takeshs Schuld war.

Dennoch beschloss Pan, dass es im Augenblick sinnvoller war, sich mit seinen Gedanken zurückzuhalten, bis sich Conelia wieder etwas beruhigt hatte. Dies, so hoffte er, würde nach ihrem allmorgendlichen Jolonda und Talando der Fall sein.

 

Als Conelia und Pan den Schlossgarten erreichten, hatte sie ihren Standpunkt schließlich hinreichend ausgeführt, und so machte sie auch wieder einen einigermaßen gefassten Eindruck, als der schon ungeduldig wartende Aurel überschwänglich auf seinen Vater losstürmte, um ihm in die offenen Arme zu springen.

»Hallo Vater, wo bleibt ihr denn? Takesh möchte sobald als möglich aufbrechen, und da möchte ich keinesfalls zu spät kommen.«

Lächelnd erwiderte Pan: »Es ist noch genügend Zeit mein Junge, wir werden rechtzeitig fertig sein.«

Conelia verdrehte dagegen insgeheim die Augen, verkniff sich aber eine Einmischung. Stattdessen sagte sie nur: »Na dann lasst uns nun mit dem Jolonda beginnen.«

Dies musste man Aurel nicht zweimal sagen, denn er liebte das Jolonda und besonders liebte er es, dieses heilige Ritual gemeinsam mit seinen Eltern zu begehen.

Die Drei nahmen also ihre Plätze, in einigem Abstand zueinander, auf einer freien Fläche im Garten, ein. Nach einigen ruhigen Atemzügen der geistigen Sammlung begannen sie in nahezu vollkommenem Gleichklang eine kunstvoll anmutende Abfolge von Bewegungen, die einem bis ins Detail festgelegten Zeremoniell folgten und dazu dienten sämtliche Lichtbahnen und Lichtwirbel des Körpers anzuregen.

Schon zu Beginn des Jolonda spürte Pan, dass heute von Conelia und Aurel eine besondere Spannung ausging. Zwar konnte er die beiden nur manchmal sehen, da er sich vor ihnen platziert hatte, und sie deshalb über weite Teile der Übung hinweg hinter seinem Rücken hatte, aber das war auch gar nicht nötig. Durch die tägliche Übung hatte Pan eine ausgeprägte Wahrnehmung und während des Jolonda waren all seine Sinne besonders geschärft. Pan spürte die fehlende Harmonie in Conelias Bewegungen und ihrem Geist. Bei Aurel spürte er, wie ihn die Vorfreude auf seine Reise mit Takesh zu großer Unruhe verleitete. Allerdings hoffte er, dass es den beiden gelingen mochte, während des Jolonda ihre Mitte wiederzufinden.

Nach einiger Zeit erkannte Pan, wie Conelias Bewegungen langsam wieder die gewohnte liebevolle Kraft ausstrahlten. Nur Aurel schienen seine Gefühle auch am Ende des Jolonda noch zu beherrschen. Beim anschließenden Talando, einer stillen Meditation, durchgeführt im Lotussitz, gelang es Aurel noch weniger sich zu konzentrieren. Ungeduldig rutschte er ständig hin und her, kratzte sich an den Haaren oder im Gesicht.

Als Pan Aurel dann schließlich erlaubte, das Talando noch vor der Zeit zu beenden, sprang dieser sofort auf, um sich aufgeregt von seinen Eltern zu verabschieden. Doch bevor es dazu kam, sagte Conelia zu ihm: »Geh schon mal und verabschiede dich von Takesh und dann warte im Speisesaal auf uns. Dein Vater und ...«

Die Worte trafen Aurel wie ein Blitz aus heiterem Himmel, er schluckte schwer und dann platzte es aus ihm heraus: »Aber, aber ich reite doch mit ihm! Ihr habt es mir doch versprochen!«

»Ich weiß«, erwiderte Conelia gespielt verständnisvoll: »Aber dein Vater und ich glauben, dass es doch besser für dich ist, wenn du morgen mit uns gemeinsam nach Kloster Lando aufbrichst.«

Bestürzt darüber, dass ihm nun auch sein Vater so in den Rücken gefallen war, suchte Aurel verzweifelt nach Unterstützung in Pans Gesicht, und stieß ein noch verzweifelteres: »Aber warum? Ihr habt es mir doch versprochen!«, hervor.

Pan sagte nichts. Stattdessen blickte er mit strenger Miene seine Frau an. Conelia vermied es jedoch den Blick zu erwidern und antwortete an Pans Stelle: »Wir glauben, dass Takesh dir in letzter Zeit zu viel zugemutet hat. Ihr solltet etwas weniger Zeit miteinander verbringen. Wenn ihr nun aber tagelang ganz allein miteinander unterwegs seid, bekommst du es sicher mit der Angst zu tun und hast wieder solch schreckliche Träume.«

»Das war es also!«, an den Traum hatte Aurel schon gar nicht mehr gedacht.

»Aber mir gefällt doch der Unterricht bei Takesh. Ich liebe seine Geschichten und er ist mein Freund. Er würde mich niemals im Stich lassen – und weshalb sollte ich bei ihm Angst haben? Er ist der beste Kämpfer, den es gibt. Takesh könnte mich vor jeder Gefahr beschützen.«

»Ich weiß«, musste Conelia zugeben: »Aber reise doch dieses Jahr noch einmal mit uns nach Lando. Dein Vater und ich würden uns sehr darüber freuen. Du kannst ja nächstes Mal mit Takesh reiten.«

»Nächstes Mal«, wiederholte Aurel verächtlich: »Ich bin doch kein kleines Kind mehr, das man aufs nächste Mal vertrösten kann. Ich bin schon fast neun Jahre alt und habe Takesh versprochen, dass ich mit ihm reite, und ihr habt es mir versprochen ... und was man verspricht, muss man auch halten.«

Inzwischen hatte Aurel neue Zuversicht gewonnen, uns so unterstrich er seine Argumente nun noch mit einem vielsagenden Kopfnicken.

Seine Mutter schaute dagegen Hilfe suchend zu Aurels Vater Pan. Dieser hatte sich bislang aus der Auseinandersetzung herausgehalten, nun aber, da er voller Stolz feststellte, dass sein Sohn sein Recht auf solch vernünftige Weise verteidigt hatte, sagte er grinsend: »Versprochen ist versprochen.«

Conelia rollte mit ihren schönen großen Augen. Wissend, dass die Sache endgültig entschieden war, wollte sie so zumindest nochmals ihren Unmut über den Entschluss zum Ausdruck bringen. Doch dann gab auch sie mit einem etwas gezwungenen Lächeln klein bei und sagte: »Na, meinet wegen.«

Nun gab es für Aurel endgültig kein Halten mehr. Aufgeregt sprang er auf und stürzte sich in die ihm offen entgegengestreckten Arme seiner Eltern.

 

Eine halbe Stunde später standen Conelia und Pan mit Aurel und Takesh im Hof vor den Pferdeställen. Inzwischen hatte Conelia auch Takesh für ihr überforsches Auftreten um Verzeihung gebeten und diesem fiel es auch nicht schwer, diese zu gewähren. Vor allem, nachdem er die Gründe für Conelias Aufregung erfahren hatte. Bei ihren Schilderungen meinte Conelia dann auch für einen kurzen Augenblick ernste Sorge in Takeshs Miene abgelesen zu haben – und selbst wenn er dies niemals zugeben würde, so diente es Conelia dennoch als sicherer Beweis, dass Takesh nicht für Aurels Traum verantwortlich war. Wenngleich diese Erkenntnis sie nicht gerade beruhigte, so erkannte sie in dieser, für manch einen vielleicht unscheinbaren Geste, Takeshs unerschütterliche Loyalität. Dies bestärkte sie in ihrem Glauben, dass Takesh als Aurels Mentor der einzig Richtige war. Schließlich war er seit jeher ein wahrer und vertrauenswürdiger Freund des Hauses Dan Duraindan.

Als Aurel und Takesh bereits auf ihren Pferden saßen, konnte es sich Conelia allerdings nicht verkneifen ihrem geliebten Sohn zum Abschied noch einige vermeintlich wichtige Ratschläge mit auf den Weg zu geben: »Befolge stets Takeshs Anweisungen, sei artig und mach keine Dummheiten.«

»Ja Mutter, natürlich!«

»Und sei vorsichtig!«

»Ja-a-a.«

»Und ...«

Pan spürte Aurels und Takeshs Ungeduld, und so fasste er sich, um Conelias Belehrungen ein Ende zu bereiten, mit seiner rechten Hand ans Herz, verneigte sich leicht und sprach in der alten Sprache: »Ta landir.«

Sogleich taten es Aurel und Takesh ihrem König gleich, und so fügte sich auch Conelia schweren Herzens, indem sie es ebenfalls ihrem Gatten gleichtat. Denn diese Geste leitete seit je her die Formeln der Begrüßung und des Abschieds ein.

Takesh entschied, Schloss Talain durch ein Seitentor an der Westmauer zu verlassen. So vermieden sie es, erst einen Umweg durch die angrenzende Stadt machen zu müssen.

Pan und Conelia erklommen die Wehrmauer am Tor, um den beiden Davonreitenden noch eine Weile hinterherzuschauen.

Schon seit der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn war Conelia recht schweigsam und auch jetzt standen beide einfach nur still da.

Pan spürte die Traurigkeit in Conelias Gemüt, und so versuchte er sie zu trösten, indem er sich hinter seine Frau stellte und ihr sanft die Arme um den Bauch legte. Als dann Conelia einige Tränen über die Wangen liefen, sagte er leise zu ihr: »Wir dürfen uns seiner Entwicklung nicht in den Weg stellen. Wenn er später einmal ein guter König sein soll, muss er fähig sein, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und dafür die Verantwortung zu tragen.«

Conelia starrte noch eine kleine Weile nachdenklich und traurig in die Ferne, ehe sie schließlich mit trauriger Stimme antwortete: »Ich wünschte er könnte für immer der kleine Junge bleiben, der er ist. Es bereitet mir soviel Freude Tag für Tag zu erleben, mit welcher Hoffnung der Junge für seine Träume lebt, wie fleißig er lernt und täglich übt. –Denn eines Tages werde ich der Größte aller Schwertkämpfer sein und durch ganz Sanskaria und noch viel weiter reisen. – Das sagt er immer. Und jedes Mal, wenn er davon erzählt, geht mir das Herz auf und ich wage zu träumen, wie schön es wäre, wenn wir die Grenzen Duraindans überwinden dürften. Allein um das Meer zu sehen oder eine von den schönen großen Städten im Westen mit all ihren Prachtbauten oder bei einem dieser rauschenden Feste am kaiserlichen Palast in Paridanan dabei zu sein. Stattdessen fühlt man sich ständig von irgendwelchen Spitzeln des Kaisers beobachtet und es holt einen immer nur wieder dieselbe hoffnungslose Lage ein: König Pan Dan Duraindan und seine Gemahlin Königin Conelia samt ihres Volkes im eigenen Land eingesperrt, und wer sich widersetzt, wird mit dem Tode bestraft.

Wenn ich Tag für Tag sehe, welche Bürde wir Aurel mit der Thronfolge auflasten, bricht es mir das Herz – und dann wünschte ich manchmal, wir wären nur einfache Leute, irgendwo auf der Welt, ganz gleich wo, nur nicht hier.«

Da drückte Pan seine Conelia fester an sich und flüsterte ihr eindringlich ins Ohr: »Aber Conelia, so darfst du nicht denken, diese Dinge liegen nicht in unserer Hand, an uns ist es nur, ob wir unser Schicksal annehmen und uns den Herausforderungen stellen, oder ob wir daran verzweifeln und den Kampf für eine glückliche Zukunft aufgeben. Doch das dürfen wir niemals zulassen, nicht für Aurel und auch nicht für unser Volk und vor allem nicht um unsrer Liebe Willen.«

Da holte Conelia lang und tief Luft. Damit schien sie geradezu neuen Glauben in sich aufzusaugen, und als sie sich wieder Pan zuwandte, blickte sie tief in seine hoffnungsvoll strahlenden Augen. Als auch die letzte Träne auf ihren Wangen getrocknet war, kehrte auch ihr bezauberndes Lächeln zurück und sie küssten einander lang und innig. Ein Schauer der Liebe durchlief ihre Körper.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einem jungen Prinzen

offenbart sich sein Erbe

 

 

Nachdem Aurel und Takesh Talain verlassen hatten, ritten sie lange Zeit in leichtem Galopp in nordwestlicher Richtung. So legten sie gleich zu Beginn ein schönes Stück Weg zurück und waren schon bald außer Sichtweite von Talain, das auf einer Anhöhe gebaut war. Ihr Weg führte sie durch eine leicht hügelige Heidelandschaft, in der das Gras zu dieser Jahreszeit noch nicht hochgewachsen war. Auch vereinzelte Büsche und Sträucher begannen gerade erst, sich in frischem Grün zu zeigen. Hier und da standen auch kleine Birkenwäldchen und einzelne Kiefern, Lärchen oder Eiben.

Obwohl die Sonne schon den ganzen Morgen über schien, wehte Aurel beim Reiten der frische Wind entgegen und alsbald waren sein Gesicht und seine Glieder steif vor Kälte. Dies schmälerte allerdings seine Lust auf das bevorstehende Abenteuer nicht im Geringsten, denn in ihm loderte ein Feuer, geschürt aus Anstrengung und Neugierde. Und gerade dieser Widerstreit aus Kälte und innerer Glut schärfte Aurels Sinne für die Schönheit der vorüberfliegenden Landschaft, die ihr Antlitz noch hinter einem dichten Kleid aus Tau zu verbergen suchte.

Als am späten Vormittag die Sonne langsam an Kraft zunahm, trafen Aurel und Takesh auf den Lauf eines kleinen Baches. Er musste seinen Ursprung in einer nahe gelegenen Quelle haben, da er nur so breit war, dass ihn ein geübter Reiter mit einem Satz überqueren konnte. Seinen Weg bahnte er sich gemächlich schlängelnd durch eine Senke.

Die beiden beschlossen, hier zu rasten, um die Pferde zu tränken und ihr Frühstück zu sich zu nehmen. Während des gesamten Rittes hatten beide geschwiegen. Dabei fiel es Aurel für gewöhnlich nicht gerade leicht, so lange still zu sein. Doch beim Reiten genoss er einfach nur den fast schon ekstatischen Rausch der Sinne. Jetzt aber saßen sie bei Apfel, Ziegenkäse und Brot an einem Bach in der Sonne. Eigentlich war dies der passende Augenblick für eine unterhaltsame, lehrreiche Geschichte. Dennoch schwiegen sie noch immer. Takesh schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und Aurel war schlau genug, ihn dabei nicht zu stören; er wusste, dass dies sonst nur für Unmut sorgen würde. Also schwieg auch Aurel und beobachtete den Bach und die Fische darin.

Nach dem Essen zogen es beide vor, bald wieder aufzubrechen. Doch da keine Eile geboten war, beschloss Takesh, dem Lauf des Flusses noch für einige Zeit zu Fuß zu folgen. Nach ein paar Schritten brach dann Takesh schließlich das Schweigen und sprach: »Junger Prinz, beim Talando bereits nach fünf Minuten weggeschickt zu werden, ist nicht gerade ruhmreich!«

Aurel wusste, dass weder sein Vater noch sein Ziehvater etwas für Disziplinlosigkeiten übrig hatten und so gab er kleinlaut zu: »Ich weiß, leider gelingt es mir kaum, mich beim Talando in mich selbst zu versenken, selbst wenn mir zuvor das gesamte Jolonda ohne Fehler und hoch konzentriert gelungen ist. Ich weiß, ich hätte mich viel besser beherrschen müssen, aber ich war so aufgeregt und habe mich so auf die bevorstehende Reise gefreut, ich konnte einfach nicht stillsitzen.

Ich weiß, das Jolonda und das Talando gehören einfach zusammen, und ich verspreche, dass ich mir in Zukunft noch größere Mühe geben werde, um auch beim Talando besser zu werden. Aber eigentlich glaube ich, dass es für mein Ziel, zum besten Schwertkämpfer zu werden, viel wichtiger ist, das Jolonda in Vollendung zu meistern.«

Als Takesh dies hörte, begann er laut zu lachen: „Ha-ha-ha! Mein junger Freund, Eure Aufrichtigkeit ehrt Euch sehr, und auch Eure Absicht, zum Großmeister des Schwertkampfes zu werden, ist durchaus erstrebenswert, nur erreichen werdet ihr dieses Ziel niemals!«

Dieses vernichtende Urteil versetzte Aurel einen Schlag, der ihm beinahe den Atem raubte. Jegliche Kraft schien ihm mit einem Mal genommen und zurück blieb nur eine tiefe Sinnlosigkeit.

Takeshs Worte hatten ihre Absicht also nicht verfehlt, und nach einer ausgedehnten Pause, die Aurel genügend Zeit zur Erprobung des Gefühls des freien Falls in die tiefste Leere ließ, fuhr er fort: »Es sei denn, ihr begreift das wahre Wesen der Ehe zwischen dem Jolonda und dem Talando.«

Als Aurel dies hörte, spitzte er erneut die Ohren und Hoffnung und Kraft kehrten langsam zu ihm zurück.

»Das Jolonda und das Talando sind wie die zwei Seiten einer Medaille, wie Tag und Nacht, wie Mann und Frau, oder wie Gut und Böse. Sie gehören untrennbar zusammen, sind in dem einen Ursprung allen Seins geboren. Ohne dies auf tiefster Ebene zu erfassen, werdet Ihr niemals in der Lage sein, auch nur einen Bruchteil Eurer wahren Möglichkeiten auszuschöpfen. Selbst dann nicht, wenn es Euch gelingen würde, sämtliche Kampfstile in Vollendung zu erlernen. Für einen listigen Gegner wäret Ihr trotzdem ein leichtes Opfer. Denn gegen tückische Lügen und Arglist vermögen gute Absichten und eine ausgefeilte Kampftechnik allein nichts auszurichten. Wie Ihr eben gesehen habt.«

Aurel begriff zwar nicht genau, was sein Meister ihm damit sagen wollte, doch spürte er zum ersten Mal, dass es von größter Bedeutung sein musste, sich auch dem Talando mit höchster Disziplin hinzugeben, da es ihn wohl auf irgendeine Weise in der Richtigkeit seines Handelns bestärken würde. Deshalb beschloss Aurel dem Talando fortan dieselbe Bedeutung wie dem Jolonda beizumessen.

Takesh war mit seiner Lektion jedoch noch längst nicht am Ende. Er wusste, dass es an der Zeit war, Aurel in die heilige Magie Duraindans einzuweihen. Nur so würde es Aurel eines Tages möglich sein, in die Quelle einzutauchen und seiner Bestimmung zu folgen. Diese Ehre wurde seit jeher nur den edelsten Charakteren der Menschen zuteil. Niemals zuvor jedoch, wurde einem Jungen dieses Alters dieses Geheimnis anvertraut. Doch Takesh ahnte, dass die bevorstehenden Zeiten ein solches Handeln notwendig machten, und bei aller Unerfahrenheit vertraute er dem reinen Herzen seines Schützlings felsenfest. So begann er mit der wohl wichtigsten aller Lektionen für seinen Prinzen: »Mein lieber Aurel, wisst Ihr denn etwas über das vergangene Zeitalter?«

»Aber natürlich«, antwortete Aurel sogleich und begann eifrig zu erzählen: »Damals teilten sich Menschen und Elfen die westlichen Lande. Es gab viele kleine Königreiche und auch einige Große und Mächtige.

Vater sagt, es war eine gute Zeit, denn die Menschen eiferten in vielen Dingen den Elfen nach.«

»Oh ja, das war sie«, antwortete da Takesh mit einem merkwürdig sehnsüchtigen Klang in seiner Stimme. Dabei blickte er in die Ferne, als trüge er die Erinnerung an dieses Zeitalter auf ganz natürliche Weise in sich. Aurel kannte diesen Blick seines Mentors gut und deshalb wartete er geduldig, bis dieser sich anschickte, weiterzusprechen: »Ja, Menschen und Elfen lebten friedlich nebeneinander, sie trieben Handel, pflegten Freundschaften und die Elfen offenbarten ihnen so manches Geheimnis. So wuchsen mit der Zeit die Kenntnisse der Menschen in vielen Bereichen. Vielerorts entstanden Wissenszirkel und Schulen und allmählich wuchsen ehemals kleine Städte zu großen Metropolen, wie Solburg am Golf von Kalampur oder Paridanan, die spätere Kaiserstadt. Schließlich entdeckten die Menschen sogar ihren ganz eigenen Zugang zur Elementarmagie.

Doch ebenso wie das Wissen und der Reichtum wuchsen auch Neid und Missgunst. Immer häufiger traten Intrigen an Stellen, wo vorher Gemeinschaftssinn herrschte. Letztendlich führte der Durst nach Macht gar zu Kriegen unter Brüdern.«

Takesh machte eine kleine Pause und prüfte die Umgebung mit einem ausschweifenden Rundblick. Aurel nutzte die Zeit, um sich mit ein paar Schlucken Wasser aus dem Bach zu erfrischen. Kaum hatte er aber seinen Durst gestillt, hing er auch schon wieder an den Lippen Takeshs: »Allerdings waren die inneren Streitigkeiten nicht die einzige Bedrohung für die Völker Sanskarias, denn während der Westen längst erforscht und besiedelt war, rankten sich um den Osten viele Mythen. Dort war die Natur wild und unberührt. Nicht viele Menschen hatten es bis dahin gewagt ins Zentralmassiv des Arkavall vorzudringen, und von den wenigen, die dort ihr Glück gesucht hatten, kehrte kaum einer jemals wieder zurück.«

Unwillkürlich Böses ahnend blickten nun beide gen Osten, wo in weiter Ferne der Wall der ersten schneebedeckten Gipfel thronte.

»Drachen, Lindwürmer und die wildesten und größten aller wilden Tiere«, sagte nun Aurel vielsagend und Takesh ergänzte: »Und die Ned Shedad und noch schlimmere Schattengeschöpfe hausen dort.«

Aurel erschauderte, als er hörte, wie Takesh die Wanderschatten bei ihrem wahren Namen nannte und dann hauchte er ebenfalls, wie auf einen unausgesprochenen Befehl hin, der den Worten in der alten Sprache nachzuhallen schien: »Ja, auch die Ned Shedad.«

Für einen kurzen Augenblick schien nun auch Takesh um Fassung zu ringen, denn wieder einmal fand er Bestätigung dafür, was er eigentlich schon längst wusste: Aurel war alles andere als ein gewöhnliches Kind. Und doch rief dieses Wissen großes Unbehagen hervor. Denn Aurels geistige Kräfte waren zwar mehr als außergewöhnlich für einen Jungen seines Alters, doch ohne Erfahrung und Wissen im Umgang mit Magie konnte sein Schüler schnell zur Gefahr für sich und andere werden. Vor allem, da die alte Sprache solchen Widerhall bei ihm fand.

Takesh hatte in den vergangenen Tagen lange nachgedacht, ob es richtig sei, seinen Schüler schon jetzt in dieses geheimste Wissen einzuweihen. Mochten ihn bis gerade eben noch irgendwelche Zweifel an seinem Vorhaben geplagt haben, so waren diese nun ein für alle Mal ausgelöscht. Aurel musste so schnell als irgend möglich in die ganze Macht der Quelle eingeweiht werden. Andernfalls mochten möglicherweise schon bald dunkle Schatten sich seiner zu bemächtigen suchen.

»Aber auch die Eloi Sans Ákari in Sanbalá der Wolkenstadt nennen dieses größte aller Gebirge ihre Heimat.« Diesmal achtete Takesh darauf, nur Worte in der alten Sprache zu wählen, die den Kräften des göttlichen Lichtes zugetan waren. Denn ihr Nachhall würde helfen die Hoffnung in Aurels Geist zu wahren, egal welch düstere Dinge nun zu erzählen sein würden.

»Und doch regten sich zum Ende des letzten Zeitalters vor allem die dunkeln Kräfte im Osten. Zunächst begannen Raubzüge von marodierenden Wanderschatten überhand zunehmen, und dann machten Gerüchte von einem grausamen, dämonischen Magier die Runde. Es hieß, er würde die Seelen seiner Opfer versklaven und er schien die Macht zu besitzen, all die boshaften Geschöpfe des Ostens mittels bestialischer Härte zu einem todbringenden Heer zu vereinen. Aschtokh war sein Unheil kündender Name. Bis heute ist nichts bekannt über seine Herkunft, doch die Erinnerung an seine Schreckensherrschaft verbreitet noch immer an so manchem Nachtlager Angst und Schrecken.«

»Aber wie erging es denn meinem Volk, den Duraindan als östlichstes aller Königreiche? Zu Füßen des Arkavall lebte es sicher in großer Gefahr, nicht wahr Takesh?«, fragte nun Aurel mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Entsetzen.

»Ganz recht, mein Prinz, zwar waren die Duraindan damals wie heute ein friedliebendes und rechtschaffendes Volk, aber in dieser schlimmen Zeit hatten sie keine Wahl, und alsbald mussten sogar Frauen und Kinder kämpfen, um zu überleben. Dank ihres Mutes und ihrer weithin gerühmten Reitkünste gelang es den Duraindan auch den Feind lange Zeit zurückzuschlagen. Als aber die Eloi Sans Ákari herausfanden, dass sich Aschtokhs Horden formierten, um sich mit aller Macht gen Westen zu wenden, war klar, dass dieser Übermacht auch die tapferen Duraindan nichts entgegen zu setzen hatten. Die westlichen Lande standen kurz davor endgültig überrannt zu werden und doch sollte Duraindans Rolle in diesem größten aller Kriege noch nicht vorüber sein.«

»Wie meint Ihr das? Was ist dann geschehen?«, fragte Aurel ganz aufgeregt, als Takesh kurz inne hielt, um seinen Schilderungen damit Bedeutung zu verleihen.

»Geduld, mein lieber Aurel! Ihr werdet schon alles Wichtige erfahren.«

»Sicher Meister!«

»Nun, wie gesagt«, fuhr Takesh schließlich fort: »Es bestand wenig Hoffnung für die Königreiche der Menschen. Zahlreiche Wanderschatten trieben bereits seit geraumer Zeit ihr Unwesen im Westen. Vielerorts herrschten Hungersnöte und todbringende Seuchen hatten begonnen, um sich zugreifen. Und dennoch mochte es den Menschen nicht gelingen, ihre Streitigkeiten beizulegen. Erst, als wie aus dem nichts ein großes Elfenheer aufgetaucht war, um sich dem mächtigsten Anführer der Menschen, König Galdorian Dan Paridan, anzuschließen, konnten sich auch die anderen Königreiche dazu durchringen, ihre Streitigkeiten zu beenden, um ebenfalls Galdorians Streitmacht beizutreten. Allerdings war die neu gegründete Allianz weit davon entfernt zu hoffen, sie könnte siegreich aus dem Krieg hervorgehen. Zu viele Menschen waren von Hunger und Krankheiten ausgezehrt. Die Streitkräfte waren in einem erbärmlichen Zustand und selbst die Heilkünste der Elfen konnten bei dem Ausmaß an menschlicher Schwäche so schnell nichts bewirken.«

»Aber wie?«, rief Aurel: »Wie haben die Elfen und Menschen dennoch den Sieg davongetragen?«

Takesh nickte bedeutungsvoll, ehe er sich anschickte seinem Schützling die Lösung zu offenbaren: »Die Elfen entschlossen sich, das Größte unter all ihren Geheimnissen mit den Menschen zu teilen. Denn nur so konnte es gelingen dem Menschenvolk die Stärke einzuhauchen, die nötig war, um dem Feind zu widerstehen. Sie lehrten sie, sich mit der Quelle zu verbinden.

Dies hatte jedoch für beide Völker weitreichende Folgen. Denn die Menschen alterten fortan langsamer und waren widerstandsfähiger gegenüber Hunger, Durst und jeder Art von Krankheit.

Für die Elfen bedeutete diese Offenbarung allerdings, dass sie ihr Schicksal in Sanskaria auf die engste Weise an das der Menschen gebunden hatten, und zwar für alle Zeit!«

Wieder machte Takesh eine Pause und sah seinem Schützling eindringlich in die Augen, ehe er weitersprach: »Damit die Macht der Menschen nicht zu groß und unberechenbar wurde, weihten sie nicht alle ein.

Nur ein Volk der Menschen wurde zum Hüter der Offenbarung der Elfen bestimmt. Dieses Volk lebte im Zentrum Sanskarias. Aufgrund seiner Friedfertigkeit, des geringen Interesses an Elementarmagie und der tiefen Verwurzelung in seiner Heimat eignete sich eben dieses Volk in besonderer Weise. Ihm enthüllten sich dadurch große Weisheit und Einsicht, um den Sinn und das Wesen des Lebens auf eine vollkommen neue Weise zu erfahren. Ihre Sinne schärften sich und sie entdeckten neue Wege zu heilen. Vor allem aber bewirkte ihr Wandel auch bei den übrigen Menschenvölkern ein neues Bewusstsein für die Erde und die Natur. So stärkten sich die Kräfte aller Menschen, obwohl nur wenige Auserwählte der Duraindan in alle Geheimnisse des Jolonda und Talando eingeweiht wurden.

Ja, mein lieber Aurel, Euer Volk ist dazu bestimmt, dieses heilige Wissen zu bewahren, und nun ist es an Euch, sich dieser Offenbarung hinzugeben. Wie weise die Wahl der Elfen war, zeigte sich nach dem Sieg über Aschtokh. Bis heute sind die Duraindan die ‚Hüter der Quelle’, und als diese ehrten sie das in sie gesetzte Vertrauen, indem sie stets mit Weisheit darüber entschieden, wem sie ihr Wissen anvertrauen konnten.

So bildete die einzigartige Heilkunst der Duraindan stets den Gegenpol zur kriegerischen Macht Paridans, und bescherte ganz Sanskaria mit seinem aus dem Krieg hervorgegangenen Kaiserreich beinahe zweitausend Jahre lang den Frieden unter allen freien Völkern des Westens.«

Als Aurel dies hörte, verschlug es ihm den Atem und er konnte kaum fassen, wie einfältig er bezüglich der Bedeutung des Jolonda und des Talando gewesen war.

 

Inzwischen war früher Nachmittag, und diesmal schien es Aurel zu sein, der keine Anstalten machte zu sprechen. Er hatte einiges zu überdenken. So wusste er zwar schon vorher einiges von dem Bündnis der freien Völker Sanskarias, dem Sieg über den 'Dunklen Herrscher Aschtokh' und auch, dass dies der Beginn einer Ära des zweitausendjährigen Friedens war. Doch die Geheimnisse um sein Volk mussten wahrlich wohl behütet sein, wenn sogar er, Aurel, Sohn des Königs Pan, nie etwas davon gehört hatte.

Doch allmählich begann dieses neue Wissen neue Fragen aufzuwerfen. Und gerade als Aurel ansetzen wollte, eine Erste zu stellen, bedeutete ihm Takesh mit einer strikten Handbewegung, sich sofort zu ducken und Deckung zu suchen.

 
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Gestaltet von: Pierre Engelhardt phantasieausduraindan.de